Archiv für Januar 2011

Commonwealth #1

„Die Armen taugen als Objekt des Mitleids und der Großherzigkeit, wenn – und nur wenn – ihre Macht restlos neutralisiert und ihre Passivität sichergestellt ist. Die Angst vor den Armen aber, die der Schleier der Barmherzigkeit nur gerade so eben verdeckt, ist unmittelbar verbunden mit der Angst vor dem Kommunismus.“ (S.64 – Kap. 1: Republik und die Multitude der Armen)

Die Angst vor dem Kommunismus würde ich ja heute kaum am Werk sehen, aber die Betonung der Barmherzigkeit als Sicherheitspolitik für die Herrschenden stimmt sicherlich so und ist gegen den ganzen moralischen Popanz zu wenden, den karitative Organisationen vor sich hertragen und dabei die (leider nur) moralische Empörung von vielen Menschen ausbeuten. Die Angst vor Aufständen in und außerhalb Europas treibt offensichtlich die Herrschenden um. Dass die Barmherzigkeit sich allerdings gerade vom Wohlfahrtsstaat zur Vertafelung der Gesellschaft wandelt, ist Indiz für eine Schwäche der Kämpfe, die Angst hervorrufen. Die Kräfteverhältnisse sind nämlich nicht irrelevant und der Wohlfahrtsstaat geht nicht in einer Maßnahme zur Ruhigstellung der Klasse auf. Sicherlich ist die Passivität auch ein Ziel des Wohlfahrtsstaat, aber der Kampf um den sozialen Lohn ist trotzdem notwendig. Und der soziale Lohn einer Tafel ist dann doch deutlich niedriger als eine Transferzahlung des Wohlfahrtsstaats. Die Abwesenheit des politischen in ihrem Theorieentwurf wird hier wieder eklatant. Allerdings geht es ihnen nicht nur darum, dass Institutionen und Ideologie der Barmherzigkeit passiv machen, indem sie die materielle Ruhigstellung garantieren, sondern dass Barmherzigkeit nur passive Arme kennt und produziert.

Ihre Perspektive dagegen ist:
„Die Menschen sind niemals nackt, niemals durch das nackte Leben charakterisiert, sondern tragen praktisch immer etwas: neben Geschichten des Leids sind das vor allem die Fähigkeit zur Produktion und das Vermögen der Rebellion.“ (S.67) „Zu den Paupers oder Armen, von denen hier die Rede ist, gehören nicht nur jene, die im Elend und am Rande des Hungertods leben, sondern alle Arbeitenden, deren lebendige Arbeitskraft von der vergegenständlichten, als Kapital akkumulierten Arbeit getrennt ist. (…) Wie Machiavelli und Spinoza verknüpft Marx die Armut des Proletariats direkt mit seinem Vermögen, nämlich dergestalt, dass die lebendige Arbeit selbst in der kapitalistischen Gesellschaft ‚die allgemeine Möglichkeit des stofflichen und die einzige Quelle des Reichtums‘ ist.“ (S.68f.) Die Brücke zum marxschen Proletariatsbegriff schlagend, der dieses als arm an Produktionsmitteln definierte, kommen sie zu einem Begriff von Armen, der diese weiterhin zur zentralen Voraussetzung der Revolution macht ohne in eine Verelendungstheorie zu verfallen. Allerdings nur unter der Bedingung die klassische Bindung der Klasse an die Lohnarbeit zurückzuweisen und im Empire alle Arbeiterinnen und Arbeiter in diese einzubeziehen. „Die Armen, ob sie für Lohn arbeiten oder nicht, stehen nicht außerhalb des historischen Ursprungs oder der geografischen Grenzen der kapitalistischen Produktion, sie befinden sich heute zunehmend in ihrem Zentrum – und damit tritt die Multitude der Armen in den Mittelpunkt des Projekts revolutionärer Veränderung.“ (S.69)
Insofern verteidigen Hardt/Negri in diesem Abschnitt auch ihren Anspruch die marxsche Theorie weiterzuentwickeln. Ob allerdings die Armen das Kriterium der revolutionären Stellung des Proletariats nämlich dessen Möglichkeit die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden wirklich erfüllen, ist hier nur vage belegt und ob es wirklich überzeugen kann, bleibt fraglich.

Commonwealth: Veröffentlichung von Leseeindrücken

Habe im Urlaub meine Lektüre von Hardt/Negri’s Commonwealth endlich fortgesetzt. Leseeindrücke und kommentierte Zitate findet ihr demnächst hier. Eine Bemerkung vorweg: Freut euch auf politische Philosophie in der Sprache des Kitsches.

Ein Vorgriff sei erlaubt. Er basiert auf einem subjektivem Eindruck. Als ich zum ersten Mal von Liebe als Weg zur Konstitiution des Gemeinsamen las, habe ich mich doch sehr an die Harry Potter Romane erinnert gefühlt! Hardt/Negri schreiten also mit der Botschaft Albus Dumbeldores zum Kommunismus. Und ich weiß nicht einmal, ob ich das schlimm fand.

Wiederaneignung von Militanz

Eine neue Erscheinungsform auf Demonstrationen in Europa: der Book Block.

via Wu Ming