Archiv der Kategorie 'Alltagsbeobachtungen'

Unser Verhältnis zu den #ukriots

Jetzt einige Tage nach den #ukriots schlägt der britische Ordnungsstaat gegen die aufständischen Jugendlichen los. Es zeigt sich dabei, was dieses Vorbild für den dt. Aktivierenden Staat ausmacht. Er ist doppelt repressiv. Er greift tief in die Gesellschaft ein: mit Gerichtsurteilen in seiner polizeilichen und mit Einschnitten bei sozialen Leistungen (auch für Familienmitglieder) in seiner gesellschaftlichen Ordnungsfunktion. Souveränität und Biomacht agieren Hand in Hand.

Zum Aufstand selbst jedoch und einer linken Haltung dazu noch einmal ein Auszug eines Statements von Karl-Heinz Dellwo zum kommenden Aufstand. Ich finde dieses fast altersweise, wie ich es von Ex-Raflern kaum zu erwarten hoffte.

„Der Aufstand ist also erputiv. In dem Eruptiven kann er auch gewaltsam und destruktiv sein. Das ist nun mal so. Das Eruptive zerstört und produziert unzählige Fehler und oftmals Vergehen und Verbrechen, die wir nicht verteidigen können. Hier muß man nur an drei getöteten Bankangestellte in Griechenland im Mai 2010 erinnern, die Opfer eines anarchistischen Feuerspiels wurden, mit dem – „burn baby burn“ – „das Sytem“ getroffen werden sollte. Das Abfeiern der Riots kann schnell die Basis des Aufstands, zu der Vertrauen in die Akteure gehört, zerstören. Irgendwann später muss man auch die Frage stellen: Was bleibt? Was hat sich konstituiert? Wo ist im Kommenden Aufstand“ die Reflexion zum negativen Potential in den Riots? Kann man alles ignorieren und nur dem Jugendwunsch frönen?
Ich bin, wie man sieht, kein expliziter Freund der Riots. Ich verstehe sie und ich verurteile sie nicht. Die, die arm, unterdrückt, oftmals bildungsbeschränkt und gedemütigt sind, die nutzen die Chance, wenn plötzlich das repressive Netzwerk des Systems reißt, um Rache zu nehmen, um sich einmal auszuleben und Stärke zu fühlen, um ein kleines Stück vom Kuchen zu rauben, endlich jemand zu sein, der wahrgenommen wird als Subjekt und nicht als Opfer.
Ich bin kein expliziter Freund dieser Riots, denn ich weiß, dass die, die ganz unten sind, lange brauchen, bis sie ihren wirklichen Feind kennen. Sie handeln in der Regel zuerst immer gegen falsche Feinde. Sie brauchen aber unsere Solidarität, weil sie sich zuerst vielleicht nur im Riot, in der Eruption bewegen und ausdrücken können – Bewusstsein, Identität entsteht in der Konfrontation. Sie haben ein Recht auf einen Lernprozess. Wenn ihnen in der Gesellschaft die Lern-Prozesse verweigert werden, mit denen sie eine selbstgesetzte politische
Identität entwickeln können, dann müssen sie eben zugreifen und zuschlagen, wo sich eine Lücke bietet.
Ich will sie verteidigen und solidarisch sein. Aber ich kann sie nicht abfeiern. Sie sind genauso Ausdruck der Zerstörung durch das System wie ebenso des noch unbegriffenen Wegs, um daraus zu entkommen. Nicht nur die äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse stehen ihnen – und uns – im Weg, sondern auch die Verinnerlichung dieser Verhältnisse in uns. Es gibt keine radikale Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen ohne die Kritik an uns selbst.
Ich will auch die Überlebensstruktur eines „Zigeunerlagers“ , wie es im Buch heißt, verteidigen, die nicht nur vom Staat, sondern von manifesten gesellschaftlichen Ressentiments bedroht und dauernd verfolgt sind. Aber ich feiere diese in der Regel reaktionären Clanstrukturen mit Herrschafts- und Geschlechterstrukturen aus dem Vormodernen nicht ab, um die vermeintliche „Undurchdringlichkeit“ ihrer Strukturen „zum Bestandteil des Gerüsts einer politischen Solidarität“ unter uns zu machen. Ihre Clan- und
Familienabhängigkeit, ihre auf Atavismen fundierte Bandenstruktur ist kein Modell für ein emanzipatorisches Kollektiv, dass alle zu Subjekten über ihren Lebenslauf befördern will.
Ich will unter uns keine bedingungslose Solidarität. Im Gegenteil. Ich will, dass wir uns untereinander viele Bedingungen setzen und sagen: Bis hier hin Genossin und Genosse und nicht weiter.“

Für einen Revolutionären 1.Mai

1.Mai heißt Kampftag der ArbeiterInnenklasse! Auch wenn leider viel zu Viele AktivistInnen wieder den blöden Faschos hinterher fahren werden. Immerhin nehmen sie anders als die meisten BürgerInnen der BRD an einer halbwegs sinnvollen politischen Veranstaltung teil. Dazu Glückwunsch.
Denn bei mir wird es ein Bratwurst-1.Mai. Angesichts der Langeweile, die mein Arbeitsleben mir am 1.Mai bescheren wird, eine Reminiszenz an bessere Tage…

Wie Linke völlig durchdrehen

Heute hatte ich ein besonderes Erlebnis. Ich habe mal wieder die Absurdität eines linken Elitismus vor Augen geführt bekommen. Auslöser war folgendes Bild:
Elitäre Spinner

Was auch immer die beiden Herren auf den Anti-Atom Mahnwachen vermutet haben mögen, ist mir schleierhaft: Ob dt. Volksgemeinschaft oder emotionale Herde. Jedenfalls glaube ich, dass die Abgrenzung gegen diese Menschen eher der Philosophie Ortega y Gassets verpflichtet ist als einer marxistischen Analyse oder anderer kritischer Theorie. Es ist nur noch pure Massenverachtung einer (möchtegern) akademischen Elite. Ich krieg das kalte Kotzen.

Prioritätensetzung im Kapitalismus

Alle Beiträge aus dem Liveticker von Spiegel-onlinevom 13./14.3. zu Tsunami und Atomkatastrophe in Japan:

13.März
+++ Wirtschaftsweiser: Entwarnung für die Weltwirtschaft +++

[19.17 Uhr] Der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, hat trotz des folgenreichen Unglücks in Japan Entwarnung für die Weltwirtschaft wie auch für die deutsche Wirtschaft gegeben. Einige deutsche Unternehmen könne es allerdings temporär hart treffen, wenn sie sehr stark in Japan engagiert seien. Eine indirekte Wirkung könne zudem von Drittlandeffekten ausgehen: „Länder, deren Exportanteil nach Japan sehr hoch ist und die demzufolge zumindest kurzfristig in Mitleidenschaft gezogen werden, können ihre Importe aus Deutschland zeitweilig zurückfahren.“

+++ Japans Autobauer stellen Produktion vorerst komplett ein +++

[20.32 Uhr] Die Autokonzerne Toyota, Nissan und Honda stellen ab Montag ihre Produktion auf unbestimmte Zeit ein, wie BBC berichtet. Toyota betreibt zwölf Fabriken in Japan, Nissan drei. Honda teilte mit, es sei eine Produktion von 4000 Fahrzeugen pro Tag von der Entscheidung betroffen.

14.März
+++ Zentralbank erhöht Finanzspritze auf 133 Milliarden Euro +++

[4.45 Uhr] Die japanische Zentralbank hat ihre Geldspritze für die Finanzmärkte noch einmal drastisch erhöht. Umgerechnet rund 133 Milliarden Euro sollen die Folgen der Erdbebenkatastrophe zunächst abmildern. Zum Start des Börsenhandels hatten die Aktienkurse zuvor drastisch nachgegeben. Der Nikkei-Index verlor mehr als fünf Prozent und fiel zwischenzeitlich unter die 10.000-Punkte-Marke. Auch die Aktien der japanischen Automobilhersteller verzeichneten starke Kursnachlässe. Die Betreiberfirma mehrerer havarierter Reaktoren, Tepco, wurde wegen einer Fülle von Verkaufsaufträgen vom Handel ausgesetzt.

+++ Ölpreise fallen nach Erdbebenkatastrophe in Japan +++

[13.34 Uhr] Vor dem Hintergrund der schweren Erdbebenkatastrophe in Japan sind am Montag die Ölpreise gefallen. Experten der Commerzbank erwarten einen vorübergehend deutlich niedrigeren Rohölverbrauch in Japan und kurzfristig einen weiteren Preisdruck an den Ölmärkten. Im Mittagshandel kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 112,68 US-Dollar und damit 1,17 Dollar weniger als am Freitag. Rohöl der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) verbilligte sich um 1,44 Dollar auf 99,72 Dollar.

Eure Wissenschaftlichkeit kotzt mich an!

Heute trat der adelige Verteidigungsminister der BRD und Held des rechtskonservativen Milieus Karl-Theodor zu Giuttenberg zurück. Und kaum ist diese erfreuliche Nachricht raus und man könnte sich über diesen Verlust einer Identifizierungsfigur auf der Rechten die Hände reiben, werden wir mit saudummen Kommentaren aus dem liberalen und linken Medienspektrum beglückt. Ein „Sieg der Wissenschaft“ sei diese Tat souffliert etwa der Freitag. Ein von tausenden DoktorantInnen unterschriebener Brief habe maßgeblich zum Sturz Guttenbergs beigetragen. Andere Medien hatten sich bereits vorher über die Verletzung der bürgerlichen Umgangsformen der Wissenschaft durch Guttenberg echauffiert.
Dass der Guttenberg-Fall aber gerade das Beste Beispiel dafür ist wie die deutsche Universität (und wahrscheinlich nicht nur die) funktioniert, fällt auch kritischen JournalistInnen gar nicht mehr ein. Wahrscheinlich sind sie zu sehr geprägt durch und verstrickt in die Gemengelage aus Männerbund, Nepotismus und Korruption, die das Milieu der Universitäten prägen. Vieles an diesen Institutionen entspricht Vorstellungen von Organisierter Kriminalität, aber wird von den Beteiligten als Gentlemansagreement verstanden. Ob es das alltägliche Protegieren eigener Zöglinge ist, die nach dem Motto hilfst Du mir bei meinem Mann, kannst Du bei der Besetzung deiner Nachfolge auf mich zählen, tagtäglich an Hochschulen praktiziert wird. Ob es die Zweckentfremdung von Geldern für den eigenen Forschungsbereich ist oder das Verwerten von Arbeitsergebnissen von Studierenden und Doktoranden in eigenen Publikationen, in denen diese ebenso wenig wie die Plagiate Guttenbergs zu erkennen sind bzw. die eigentlichen Co-AutorInnen nicht einmal in den Dankesworten erwähnt werden. Ob es allgemeiner die Ausnutzung aller wissenschaftlichen und administrativen Leistungen ist, die durch Personen der unteren Ebenen der Hochschulhierarchie produziert wurden, auf deren Ergebnisse stets ohne Zögern eigene Ansprüche erhoben oder das eigene Label gedrückt wird. Im akademischen Wettbewerb ist alles erlaubt! Ob es es die augenzwinkernde Duldung von sexueller Belästigung durch Prüfer oder scheinbar harmloser die sexuellen Kontakte zu abhängigen Studierenden oder DoktorantInnen sind. Ob…
Stets zeigt sich, dass besonders die Universität gerade kein Hort der bürgerlichen Ehre, der Redlichkeit, der Wahrheitsproduktion und der wissenschaftlichen Leistungsbereitschaft ist. Dies ist nur ihre aufgeblasene Ideologie, die es ihr ermöglicht gegenüber anderen Bildungsinstitutionen eine Überlegenheit an den Tag zu legen, die vermessen ist und einen Elitismus befördert, den eine emanzipatorische Perspektive abstreifen sollte. Wenn daher „linke“ Zeitungen wie der Freitag eine solche Perspektive an den Tag legen, sollten sie überlegen ob es nicht realistischer wäre, dass im Fall Guttenberg ein wissenschaftlicher Lügner nur einen Fehler gemacht hat, den sich im Gegensatz zur Politik der Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin nicht erlauben kann: Sich bei der Lüge erwischen zu lassen.

Wiederaneignung von Militanz

Eine neue Erscheinungsform auf Demonstrationen in Europa: der Book Block.

via Wu Ming

This is what democracy looks like! – 1

Das die Presse kein Interesse an der Kritik der Polizei hat, selbst wenn sie mit einem Opfer von Polizeigewalt spricht, zeigt das folgende Video über die Studentenproteste in Großbritannien. Dreist wie der Interviewer nach einer Legitimation für die Polizeigewalt sucht und dabei allein die Selbstbeschreibung des Interviewten als Revolutionär als ausreichend suggeriert.
Umso schöner wie dieser genau diesen Umstand im Interview thematisiert und zum eigentlichen Thema zurückkehrt und darauf basierend noch auf die Verfassung einer demokratischen Gesellschaft hinweist, für die ein verletzter Polizeibeamter mehr Bedeutung hat als verletzte Protestierende.

Wiederentdeckt!

Habe dieses Brecht-Stück wiedergefunden und merke, dass es meine derzeitige Verfassung, wenn ich über weite Teile der radikalen Linken nachdenke, gut auf den Punkt bringt. Genau die Zögerlichkeit der GenossInnen in schwieriger werdenden Zeiten, die Brecht beschreibt, trifft den Zustand vieler Aktivistinnen und Aktivisten sehr gut.

Kommentar zur Deutschenfeindlichkeit

Die Hetze bürgerlicher Medien gegen die griechischen Anarchos

Während in der BRD die Partei DIE LINKE Pappkartons als Sparpakete an Angela Merkel zurücksendet und damit wohl nur die Postannahme im Bundeskanzleramt beschäftigt, sorgt ein Paket aus Griechenland für ganz andere Aufmerksamkeit in der BRD und auch im europäischen Ausland. Denn nicht nur Angie, sondern auch die anderen Charaktermasken in Amt und Würden hatten Post. Nur die Annahme klappte nicht, da diese Pakete mehr Knall verursachten.

Die Reaktion der deutschen Presse war klar (z.B. http://www.fr-online.de/politik/-feuerzellen--im-verdacht/-/1472596/4801130/-/index.html): Die AnarchistInnen aus Griechenland sind es gewesen. Grüppchen, die seit dem Aufstand 2008 entstanden sind werden vorgestellt und als Kreise beschrieben aus denen TäterInnen stammen könnten. Zur Entstehung der Grüppchen wird auf den Aufstand verwiesen. Die TäterInnen stammten aus den AnarchistInnenkreisen, die 2008 randaliert hätten. Diese Grüppchen stünden in Tradition der Gruppe 17.November, die ja zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hätte.

Das griechische Anarchos und der 17.November wenig miteinander zu tun haben interessiert da niemanden mehr. Noch viel weniger interessant ist, dass der Aufstand 2008 kein Werk von AnarchistInnen war, sondern von breiten Teilen der griechischen Jugend getragen wurde. Gründe dafür waren u.a. die hohe Arbeitslosigkeit, Prekarisierung und in Folge Perspektivlosigkeit vieler griechischer Jugendlicher. Das diese Unzufriedenheit in den Kampf für ein andere Gesellschaft umgewandelt werden soll ist nun wirklich zu begrüßen. Falls also die zwei nach der Paketaufgabe Verhafteten wirklich aus dem Freundeskreis von Alexis stammen, zeigt sich vielmehr eine Militarisierung des zu Grunde liegenden sozialen Konflikts. Und dies ist durch die IWF und EU-Zwangsverwaltung Griechenlands im Interesse der Regierungen und Kapitalfraktionen, für die die PaketadressatInnen stehen, noch verschärft worden.

Letztlich hätten auch „ganz normale Jugendliche“ diese Pakete versenden können. Denn die Brüche in der griechischen Gesellschaft sind tief. Ob sie AnarchistInnen sind oder nicht ist seit 2008 weniger wichtig geworden für eine Bereitschaft zur Militanz. Dass die griechische anarchistische Szene (schon seit Jahren im Strassenkampf) sich auf solche militaristischen Logiken einlässt und weitgehend unkritisch mit der Gewaltfrage umgeht, habe ich schon bei dem Tod der Bankangestellten auf diesem Blog ausgeführt.
Aber eine solche Verleumdung von GenossInnen wie derzeit ist auch durch eine zu ihnen kritische linksradikale Position nicht hinnehmbar. Verwundern sollte es aber auch nicht, da die deutsche Presse noch jeden Aufstand in Europa entpolitisiert hat. Verwiesen sei nur auf die Denunziation der Banlieues-Aufstände 2005 als „Rassen“konflikt bzw. islamistisch gesteuerte Angriffe auf die westliche Zivilisation. Auch damals wurden soziale Deutungen verdrängt, denn Austände in europa können ja nur von Parias ausgehen.

Wer die griechische Szene selber sprechen lassen will, kann dies mit dem Buch „We are an image to the future“ tun. Hier das Werbevideo dafür: