Archiv der Kategorie 'Philosophie'

Commonwealth #1

„Die Armen taugen als Objekt des Mitleids und der Großherzigkeit, wenn – und nur wenn – ihre Macht restlos neutralisiert und ihre Passivität sichergestellt ist. Die Angst vor den Armen aber, die der Schleier der Barmherzigkeit nur gerade so eben verdeckt, ist unmittelbar verbunden mit der Angst vor dem Kommunismus.“ (S.64 – Kap. 1: Republik und die Multitude der Armen)

Die Angst vor dem Kommunismus würde ich ja heute kaum am Werk sehen, aber die Betonung der Barmherzigkeit als Sicherheitspolitik für die Herrschenden stimmt sicherlich so und ist gegen den ganzen moralischen Popanz zu wenden, den karitative Organisationen vor sich hertragen und dabei die (leider nur) moralische Empörung von vielen Menschen ausbeuten. Die Angst vor Aufständen in und außerhalb Europas treibt offensichtlich die Herrschenden um. Dass die Barmherzigkeit sich allerdings gerade vom Wohlfahrtsstaat zur Vertafelung der Gesellschaft wandelt, ist Indiz für eine Schwäche der Kämpfe, die Angst hervorrufen. Die Kräfteverhältnisse sind nämlich nicht irrelevant und der Wohlfahrtsstaat geht nicht in einer Maßnahme zur Ruhigstellung der Klasse auf. Sicherlich ist die Passivität auch ein Ziel des Wohlfahrtsstaat, aber der Kampf um den sozialen Lohn ist trotzdem notwendig. Und der soziale Lohn einer Tafel ist dann doch deutlich niedriger als eine Transferzahlung des Wohlfahrtsstaats. Die Abwesenheit des politischen in ihrem Theorieentwurf wird hier wieder eklatant. Allerdings geht es ihnen nicht nur darum, dass Institutionen und Ideologie der Barmherzigkeit passiv machen, indem sie die materielle Ruhigstellung garantieren, sondern dass Barmherzigkeit nur passive Arme kennt und produziert.

Ihre Perspektive dagegen ist:
„Die Menschen sind niemals nackt, niemals durch das nackte Leben charakterisiert, sondern tragen praktisch immer etwas: neben Geschichten des Leids sind das vor allem die Fähigkeit zur Produktion und das Vermögen der Rebellion.“ (S.67) „Zu den Paupers oder Armen, von denen hier die Rede ist, gehören nicht nur jene, die im Elend und am Rande des Hungertods leben, sondern alle Arbeitenden, deren lebendige Arbeitskraft von der vergegenständlichten, als Kapital akkumulierten Arbeit getrennt ist. (…) Wie Machiavelli und Spinoza verknüpft Marx die Armut des Proletariats direkt mit seinem Vermögen, nämlich dergestalt, dass die lebendige Arbeit selbst in der kapitalistischen Gesellschaft ‚die allgemeine Möglichkeit des stofflichen und die einzige Quelle des Reichtums‘ ist.“ (S.68f.) Die Brücke zum marxschen Proletariatsbegriff schlagend, der dieses als arm an Produktionsmitteln definierte, kommen sie zu einem Begriff von Armen, der diese weiterhin zur zentralen Voraussetzung der Revolution macht ohne in eine Verelendungstheorie zu verfallen. Allerdings nur unter der Bedingung die klassische Bindung der Klasse an die Lohnarbeit zurückzuweisen und im Empire alle Arbeiterinnen und Arbeiter in diese einzubeziehen. „Die Armen, ob sie für Lohn arbeiten oder nicht, stehen nicht außerhalb des historischen Ursprungs oder der geografischen Grenzen der kapitalistischen Produktion, sie befinden sich heute zunehmend in ihrem Zentrum – und damit tritt die Multitude der Armen in den Mittelpunkt des Projekts revolutionärer Veränderung.“ (S.69)
Insofern verteidigen Hardt/Negri in diesem Abschnitt auch ihren Anspruch die marxsche Theorie weiterzuentwickeln. Ob allerdings die Armen das Kriterium der revolutionären Stellung des Proletariats nämlich dessen Möglichkeit die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden wirklich erfüllen, ist hier nur vage belegt und ob es wirklich überzeugen kann, bleibt fraglich.

Commonwealth: Veröffentlichung von Leseeindrücken

Habe im Urlaub meine Lektüre von Hardt/Negri’s Commonwealth endlich fortgesetzt. Leseeindrücke und kommentierte Zitate findet ihr demnächst hier. Eine Bemerkung vorweg: Freut euch auf politische Philosophie in der Sprache des Kitsches.

Ein Vorgriff sei erlaubt. Er basiert auf einem subjektivem Eindruck. Als ich zum ersten Mal von Liebe als Weg zur Konstitiution des Gemeinsamen las, habe ich mich doch sehr an die Harry Potter Romane erinnert gefühlt! Hardt/Negri schreiten also mit der Botschaft Albus Dumbeldores zum Kommunismus. Und ich weiß nicht einmal, ob ich das schlimm fand.

Wiederentdeckt!

Habe dieses Brecht-Stück wiedergefunden und merke, dass es meine derzeitige Verfassung, wenn ich über weite Teile der radikalen Linken nachdenke, gut auf den Punkt bringt. Genau die Zögerlichkeit der GenossInnen in schwieriger werdenden Zeiten, die Brecht beschreibt, trifft den Zustand vieler Aktivistinnen und Aktivisten sehr gut.

Zizek

Nachdem ich mal wieder einen großartigen Text von Zizek gelesen habe, hier etwas Unterhaltung von ihm:

Der Radiobeitrag dreht sich unter anderem um Dark Knight und warum sein Sohn GTA spielen darf, obwohl Zizek ihn von Disney als jugendgefährdend fernhält. Viel Spaß! :)

Zizek mit seiner Frau

Neue Lektüre – Über Marx hinaus

Ich habe im Urlaub mit der Lektüre von Marcel van der Linden/Karl-Heinz Roth (Hg.): „Über Marx hinaus“ begonnen, nachdem ich Commonwealth frustriert beiseite gelegt habe, und das Buch jetzt etwa zu 2/3 durch (Kann gerade nicht weiterlesen, da ich es verliehen habe. Nerv!). Viele Artikel haben mich stark beeindruckt. Vor allem der historisch und empirisch belegte Angriff auf die Figur des doppelt freien Lohnarbeiters und die Beschreibung Marx‘ von der ursprünglichen Akkumulation konnte ich nachvollziehen und fand ich intelektuell anregend. Meine nächste Anschaffung wird daher auch auf jeden Fall „Die vielköpfige Hydra“ sein. In „Über Marx hinaus“ werden wirklich Grundfragen einer linken Kritik an Marx bzw. kommunistischer Theorie und Praxis im Anschluss an ihn diskutiert. Nach der Lektüre sollten sich einige ZirkulationsmarxistInnen fragen, wer hier die verkürzte Kapitalismuskritik hat, wenn sie von entpersonalisierter Herrschaft und der Aufhebung direkter Gewaltverhältnisse im Kapitalismus sprechen. Genau diese Thesen sind nämlich nach der Lektüre als dominierende Form der Vergesellschaftung fraglich.
Und ich glaube nach der Lektüre werde ich wieder Commonwealth zur Hand nehmen, da Theorie-Mosaiksteinchen nun da sind, die mir das Verständnis erleichtern.

Aus dem ND 4.11.2009
Über Marx hinaus ins Multiversum
Der Historiker Karl Heinz Roth über die Hoffnung auf die Weltrevolution der Ausgebeuteten
Karl Heinz Roth, Jg. 1942, hat Medizin studiert und war zeitweilig als Arzt tätig, bevor er zu seiner eigentlichen Profession fand: der Geschichte der sozialen Bewegungen und des Faschismus, über die er in vielfältiger Weise publiziert hat. Seit seiner Zeit in der SDS-Bundesspitze ist er ein mit den Klassenkämpfen in der Bundesrepublik eng verbundener Wissenschaftler. Roth, seit Jahren im Vorstand der Bremer Stiftung für Sozialgeschichte, hat jetzt zusammen mit Marcel van der Linden den Band »Über Marx hinaus. Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriff in der Konfrontation mit den globalen Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts« (Assoziation A, 605 S., 29,80 ) herausgegeben. Mit ihm sprach Axel Berger.

ND: Mit dem von Ihnen herausgegebenen Buch »Über Marx hinaus« wollen Sie sich explizit nicht in die derzeitige Marx-Renaissance einreihen, sondern an den Grenzen des Marxschen Werkes arbeiten. Nun kommen die meisten versammelten Autoren aus der marxistischen Linken. Ist das Buch auch eine Selbstkritik?

Roth: In bestimmter Hinsicht schon. Gerade für uns ältere Autorinnen und Autoren wurde immer deutlicher, dass das Marxsche Werk nicht so stringent ist, wie wir früher gedacht hatten. Zudem fielen uns zunehmend Fehler des Gesamtansatzes auf, die in den historischen Entwicklungen, aber auch durch die wissenschaftliche Kritik bloßgelegt wurden.

Welche sind das?

Die nachrangige Stellung der Arbeiterklasse in der Analyse der kapitalistischen Dynamik und den Objektivismus bzw. Determinismus im Marxismus hatten ich und andere in der Auseinandersetzung mit dem aus Italien stammenden Operaismus bereits in den 1970er Jahren kritisiert. Nun kam es uns darauf an, die exklusive Stellung der vor allem im nordatlantischen Raum dominierenden Figur des doppelt freien Lohnarbeiters innerhalb der globalen Klasse der Ausgebeuteten und die damit einhergehende eurozentrische Sichtweise in Frage zu stellen.

Der zentrale Begriff, den Sie als Antwort auf diesen eingeengten Proletariatsbegriff vorschlagen, ist der des »Multiversums« – die Summe aller Ausgebeuteten. Ist das Multiversum auch eine Konsequenz aus der stets blamablen operaistischen Annahme, es gebe bestimmte Segmente innerhalb des Proletariats, das die Prozesse anschieben würde?

Zumindest ist es ein endgültiger Abschied von dieser Annahme. Sie ging davon aus, dass nach den Facharbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts die industriellen Massenarbeiter die Epoche von den Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zu den Revolten Ende der 60er und der 70er Jahre geprägt hätten. Diese Auffassung war trotz einiger wichtiger Analysen zu den Klassenzusammensetzungen nicht haltbar.

Vor 15 Jahren hatten Sie eine innerhalb der radikalen Linken intensiv diskutierte »Wiederkehr der Proletarität« prognostiziert. Widersprechen Sie dem nun?

Es ist eine Weiterentwicklung. Die Ausdehnung von Phänomenen wie Leiharbeit, Scheinselbständigkeit und anderer deregulierter Arbeitsverhältnisse führte bei mir zur Infragestellung einer ganz bestimmten zentralen Figur der Kämpfe. Es ging schon damals darum, die verschiedenen Existenzweisen innerhalb der Klasse der Ausgebeuteten zusammenzuführen und solidarisch aufeinander zu beziehen. Dennoch blieb dies noch auf die doppelt freie Lohnarbeit beschränkt. Mit dem Begriff des Multiversums wollen wir diese Sicht weiter entgrenzen.

Ein Bündnis aller Ausgebeuteten und Entrechteten?

Bündnis ist das falsche Wort. Es geht eher darum, dass im Marxismus die Reproduktionsarbeit von Frauen, die Subsistenzproduktion oder aber die derzeit wieder auflebende Sklaverei überhaupt nicht vorkamen. Marx ging davon aus, dass solche Arbeitsformen im Zuge der Durchsetzung des Kapitalismus verschwinden würden. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass sie insbesondere jenseits der klassischen industriellen Zentren Bestandteil der globalen Wirtschaft geblieben sind und sich teilweise sogar ausgedehnt haben. Ein sozialrevolutionärer Aufbruch wird von diesen Menschen genauso auszugehen haben wie von den klassischen Arbeitern in der Produktion und in Dienstleistungsgewerben.

Im Gegensatz zu Marx’ Erwartung, die Klasse würde sich durch die Industrialisierung vereinheitlichen, ist es eher zu ihrer weiteren Fragmentierung gekommen.

In der Tat.

Eine Solidarisierung von Menschen in völlig verschiedenen Lebensrealitäten hin zu »einer von Gewalt, Herrschaft und Ausbeutung freien Gesellschaft«, die Sie als Ziel formulieren, scheint aber kaum möglich zu sein, oder?

Es gibt darüber Diskussionen, auch unter uns Herausgebern und Autoren. Für mich ist klar, dass es nicht mehr möglich ist, einfach eine neue Internationale zu konstituieren, die diese Fragmentierung zwar anerkennt, aber trotzdem zu einem konzeptionellen Vereinheitlichungsprozess führen will. Die Fragmentierung kann zunächst nur in lokalen und regionalen Kontexten durch gemeinsame Kampferfahrungen und damit einhergehende Solidarisierungsprozesse aufgehoben werden. Diese Assoziationen müssten sich mit globalen Föderationen von verschiedenen sozialen Gruppierungen verbinden, die weltweit aktiv sind, wie z.B. den Automobilarbeitern. Es handelt sich also um eine komplexe Transformationsperspektive, die nicht mehr von einer führenden Schicht der Ausgebeuteten ausgeht, die dann Bündnispartner mitnimmt, sondern um ein Multiversum, das immer differenziert bleibt und trotzdem eine gemeinsame Frontlinie findet.

Revolutionäre Sozialforen?

Ich glaube, die Ära der Sozialforen ist schon vorbei. Es geht um eine Ebene darunter, darum, in die soziale Wirklichkeit zurückzukehren und von da aus zu agieren. Da geht es dann um Selbstbestimmung und Abbau von Hierarchien und eben nicht um politische Repräsentation. Die Ebene der politischen Repräsentation und der neoliberalen Bündnisse ist zu verlassen.

Nicht nur Stellvertreterpolitik, sondern auch politischem Avantgardismus erteilen Sie bereits in der Einleitung des Buches eine Absage. Muss aber nicht dennoch ein weltweites Zentrum der Kommunikation und Assoziation des Multiversums her?

Es geht zunächst darum, die lokal-regionale Ebene tatsächlich zu assoziieren. Ohne die globalen Schnittstellen und eine globale Gegenplanung läuft das aber nicht. Von daher scheinen mir die globalen Föderationen sehr wichtig zu sein. Im zweiten Band meines Krisenbuches, an dem ich derzeit arbeite, will ich das weiterentwickeln und verschiedene praktische Erfahrungen einfließen lassen.

Sind Sie enttäuscht, dass die Solidarisierung innerhalb des Multiversums durch die Krise eher blockiert wird?

Im Augenblick ist die Krise tatsächlich eine Blockade, aber das ist historisch immer so gewesen. Aus der Arbeitergeschichte kann man aber nachweisen, dass dies sich im Übergang zum nächsten Konjunkturzyklus ändern könnte und wir uns darauf vorbereiten sollten. Auch Apathie, Ratlosigkeit und die Tendenz zu glauben, dass es die Nachbarn trifft und nicht einen selbst, können irgendwann in Rebellion umschlagen. Insofern verstehe ich auch »Über Marx hinaus« als einen Beitrag zu einer solchen Perspektive. Marx selbst hat in der Weltwirtschaftskrise von 1857 bis 1959 seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine Artikel für die »New York Daily Tribune« als Beitrag zu einer antikapitalistischen Perspektive angesehen. Diese Aufgabe haben wir heute auch wieder.

David Harvey erklärt die Krise in einer Animation

via rhizom

Mehr animierte Vorträge von WissenschaftlerInnen findet man hier

Werner Seppmann nimmt den Mund zu voll

Aufgrund seines innovativen Marxismus (Achtung Ironie!) macht sich Werner Seppmann am 12.Juni in Jena im Rahmen der Tagung Marx 2010 daran “de[n] lange[n] Schatten des Objektivismus: Althusser & Co” zu bekämpfen. Auf der Tagung treten neben Seppmann andere Größen des DKP-Universums wie der unselige Robert Steigerwald, die mit ihrem Marxismus Karl Kautsky noch als agilen und innovativen Denker erscheinen lassen. Das ihrem ideologischen Geschwätz die Verteidigung der Wissenschaft gegen die Politik durch Louis Althusser nicht schmeckt ist logisch. Das was in ihrem Sprachgebrauch „wissenschaftlicher Sozialismus“ hieß war nämlich häufig unwissenschaftlich Nonsens, was die sowjetische Bevölkerung unter anderem in Spätfolge der marxistisch-leninistischen Biologie mit Hungersnöten bezahlte. Was die Ikonen des ideologischen Marxismus vergessen, ist, dass Althussers Kritik auch die Politik gegen die Wissenschaft verteidigt und damit ihre viel gerühmte Parteilichkeit ebenso wie seiner Wissenschaftlichkeit eine Existenzberechtigung zuspricht. (Zur Trennung: Detlef Georgia Schulze) Allerdings haben Sie insofern recht, als dass Althusser Wahrheit vom Klassenstandpunkt entkoppelt und stattdessen an einen Forschungsmodus bindet. Dies erinnert natürlich klar an Derrida und die Dekonstruktion, für die Althusser inspirierender war als sich so mancher Marxist bewusst ist und sein will.

Ich stehe halt auf revisionistische und bürgerliche Denker.

Online Theorie

Immer wieder lesenswert das Theorie als Praxis Blog . Zwei besondere Perlen von Detlef Georgia Schulze, die in der Fülle an Texten auf dem Blog gerne mal untergehen, sind „Der Staat sind wir alle“!? BRD-Linke zwischen Staatstragenheit und Selbstisolierung und Wissenschaftliche Wahrheit und politische Richtigkeit – eine Unterscheidung, an der festgehalten werden sollte. Ersterer Text ist gut als Leitfaden für alle Intervenierenden Linken, ab wann die Bündnisarbeit in Opportunismus umschlägt, und zweiterer Text ist ein Plädoyer für den Schutz der Wissenschaft vor der Politik und der Politik vor der Wissenschaft. Letzteres liegt mir als Anhänger des Ideologischen als legitime Ebene besonders am Herzen.

Einführung in die Staatskritik

Guter Reader mit den Überblick über die verschiedenen Facetten von Staatskritik und Staatstheorie. Vor allem ist mit Birgit Sauer auch eine feministische Perspektive mal dargestellt, was in den meisten Einführungen fehlt.

Staatsfragen – Einführungen in die materialistische Staatskritik
Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Associazione delle talpe: Vorwort

Moritz Zeiler: Staatsfragen. Die materialistische Staatskritik zwischen der Renaissance klassischer 􀄃eorien und aktuellen Herausforderungen
Materialistische Theorien über den Staat

Ingo Stützle: Staatstheorien oder „BeckenrandschwimmerInnnen aller Länder, vereinigt euch!“

Michael Heinrich: Grenzen des ‚idealen Durchschnitts’.
Zum Verhältnis von Ökonomiekritik und Staatsanalyse bei Marx

Ingo Elbe: (K)ein Staat zu machen?
Die sowjetische Rechts- und Staatsdebatte auf dem Weg zum adjektivischen Sozialismus

John Kannankulam: Zur westdeutschen Staatsableitungsdebatte der siebziger Jahre.
Hintergründe, Positionen, Kritiken.

Ingo Stützle: Von Stellungs- und Bewegungskriegen – Kämpfe in und um den Staat
Birgit Sauer: Staat, Demokratie und Geschlecht – aktuelle Debatten

Historische Transformationen des Staates
Heide Gerstenberger: Der bürgerliche Staat.

Zehn Thesen zur historischen Konstitution
Heide Gerstenberger: Staatsgewalt im globalen Kapitalismus
Literaturempfehlungen

Vorwort

Hier gilt es, die Utopie, die viel geschmähte von der Assoziation der Freien und Gleichen aus der Verbotszone zu befreien, in die interessierte Ideologen der Ideenlosigkeit, die Vertreter der zweckrationalen Vernunftlosigkeit sie gedrängt haben. Die Maulwurfsarbeit wird untergründig und mühsam bleiben. (Johannes Agnoli 2000)

Die kapitalistischen Verhältnisse und ihre staatliche Vermittlung fordern nach wie vor eine emanzipatorische Kritik heraus – und das nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Krise, sondern auch in Zeiten vermeintlicher kapitalistischer Normalität. Schließlich sind die Krise wie auch die Prosperität und nicht zuletzt der Staat integrale Bestandteile kapitalistischer Totalität, so dass – entgegen der gängigen (Lehr-)Meinungen, wie sie durch die Sozialwissenschaften, die Wirtschaftswissenschaften und den gesunden Menschenverstand vertreten sind – die permanente Akkumulation von Kapital und nicht der allgemeine Wohlstand als eigentliche Triebkraft der kapitalistischen Weltgesellschaft identifiziert werden kann. Mit einer emanzipatorischen Überwindung des Kapitalismus würden auch der Staat des Kapitals und seine Grenzen, Kontrollen etc. obsolet werden. Die Idee einer staaten- und klassenlosen Gesellschaft hat daher nichts an ihrem Reiz verloren. Aber so attraktiv ein postkapitalistischer Verein freier Menschen (MEW 23, S. 92) ist, so fern ist seine Realisierung bei dem bescheidenen gesellschaftlichen Einfluss einer kapitalismus- und staatskritischen Linken momentan. Weder ein radikaler Reformismus, der den Staat strategisch für emanzipatorische Veränderungen nutzen will, noch dem Staat gegenüber distanzierte autonome Bewegungen haben über kurze historische Phasen hinaus größere Erfolge gefeiert. Diese Erfahrungen gilt es für eine aktuelle staatskritische Praxis zu reflektieren, um nicht frühere Fehler zu wiederholen und Illusionen beizubehalten. Dabei bedarf es auch bei der profundesten Analyse, der pointiertesten Kritik und der brillantesten Polemik an Geduld und Ironie, um
weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. (Adorno 1998, S. 63)

Um ein weiteres beliebtes Zitat erneut zu strapazieren:
Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach sich die Wirklichkeit zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. (MEW 3, S. 35)

Eine solche nach der Aufhebung des jetzigen Zustands strebende staatskritische Bewegung sollte also nicht auf emanzipatorische Veränderungen von staatlichen Institutionen zählen, sondern realisieren, dass diese ausschließlich durch Selbstorganisation und Selbstverwaltung erkämpft werden können. Die kollektive Aneignung, Diskussion und Weiterentwicklung (staats-)kritischen Wissens ist daher gewissermaßen Maulwurfsarbeit, um in Zeiten fern der befreiten Gesellschaft überwintern zu können und die Waffen der Kritik für künftige Auseinandersetzungen scharf zu halten. Dies ist umso wichtiger, da spontane Proteste alleine noch nie die gesellschaftlichen Verhältnisse emanzipatorisch verändert haben und Geschichtslosigkeit, antiintellektuelle Ressentiments und Theoriefeindlichkeit linke und linksradikale Bewegungen leider immer wieder frühere (und vermeidbare) Fehler haben wiederholen lassen. Unter diesen Bedingungen ist die Perspektive einer staaten- und klassenlosen Gesellschaft eine schöne, aber auch ferne und ungewisse, also ist es für deren Freund_innen unerlässlich, sich bis zu deren Aufhebung ein profundes Wissen der aufhebungswürdigen Verhältnisse anzueignen. Hierzu kann die materialistische Staatskritik einen wichtigen Beitrag leisten.

Die Beiträge in diesem Sammelband dokumentieren mehrere Diskussionsveranstaltungen, die wir in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen (RLI) zu Fragen materialistischer Staatskritik in den Jahren 2007 bis 2009 organisiert haben. Ergänzt sind diese um einige weitere einführende Texte. Wir möchten uns herzlich bei allen Autor_innen, der Redaktion der Zeitschrift grundrisse, Günter Thien vom Dampfboot Verlag, Sabine Berghahn vom Internetportal www.gender-politik-online.de der FU Berlin und Marion Schütrumpf von der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die angenehme und unkomplizierte Kooperation und die Erlaubnis zum Nachdruck der bereits erschienenen Texte bedanken.

Associazione delle talpe

Materialismus der Begegnung

Habe mir heute das Spätwerk Althussers gekauft:

Bin echt gespannt darauf, da die vorab veröffentlichten Texte sich vielversprechend lasen. Außerdem immerhin ein Lob von Toni Negri für diesen kryptischen Text. Hier der Klappentext:

Zufall, Leere, Abweichung: Abenteuer des Denkens

Der Band versammelt späte und unvollendete Schriften A­lthussers, die zu den eigentümlichsten und verstörendsten Texten gehören, die das Denken des späten 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Im Leben des marxistischen Philosophen ­markieren sie einen schmerzhaften Bruch: Sie sind Teil eines Denkens der Krise, das eine radikale Philosophie der Praxis zu entwerfen sucht.

Bekämpft, verdrängt und gerade darum stets gegenwärtig, zieht sich ein untergründiger Strom durch die Geschichte der west­lichen Philosophie. Von den antiken Atomisten über Spinoza und Macchiavelli bis zu den Zeitgenossen Derrida und Deleuze arbeitet ein Denken der Leere, des Zufalls und der Abweichung, das jede Wesensphilosophie, ja Philosophie überhaupt im Prinzip unmöglich macht und schließlich auch den dialektischen Materialismus überwinden soll.

Die Ausgabe dieser erstmals auf Deutsch zugänglichen Schriften macht die Brüche und Anstrengungen nachvollziehbar, die in den Begriffen dieses neuen und zugleich ältesten Materialismus liegen. Althussers Differenzierung zwischen »Materialismus der Begegnung« und »aleatorischem Materialismus« bezeugt die produktive Kraft eines einzigen beharrlichen Gedankens, der das Denken bricht: »Weder wird je ein Würfelwurf den Zufall aus­löschen – noch wird je der Zufall einen Würfelwurf vereiteln.« Das »Porträt des materialistischen Philosophen« gibt einen Vorgeschmack auf das Abenteuer eines Denkens, das im »Wilden Westen« nach Auf- und Umbruch sucht…

»Wie benjaminisch dieser Althusser ist! Feuerbach schrieb, dass sich jede neue Philosophie durch ein neues Wort ankündigen werde: für ihn war es das Wort ›Mensch‹; für Althusser ist alea das neue Wort.« (Antonio Negri)