Tag-Archiv für 'antikapitalistische-strategie'

Commonwealth: Veröffentlichung von Leseeindrücken

Habe im Urlaub meine Lektüre von Hardt/Negri’s Commonwealth endlich fortgesetzt. Leseeindrücke und kommentierte Zitate findet ihr demnächst hier. Eine Bemerkung vorweg: Freut euch auf politische Philosophie in der Sprache des Kitsches.

Ein Vorgriff sei erlaubt. Er basiert auf einem subjektivem Eindruck. Als ich zum ersten Mal von Liebe als Weg zur Konstitiution des Gemeinsamen las, habe ich mich doch sehr an die Harry Potter Romane erinnert gefühlt! Hardt/Negri schreiten also mit der Botschaft Albus Dumbeldores zum Kommunismus. Und ich weiß nicht einmal, ob ich das schlimm fand.

Wiederentdeckt!

Habe dieses Brecht-Stück wiedergefunden und merke, dass es meine derzeitige Verfassung, wenn ich über weite Teile der radikalen Linken nachdenke, gut auf den Punkt bringt. Genau die Zögerlichkeit der GenossInnen in schwieriger werdenden Zeiten, die Brecht beschreibt, trifft den Zustand vieler Aktivistinnen und Aktivisten sehr gut.

Die Hetze bürgerlicher Medien gegen die griechischen Anarchos

Während in der BRD die Partei DIE LINKE Pappkartons als Sparpakete an Angela Merkel zurücksendet und damit wohl nur die Postannahme im Bundeskanzleramt beschäftigt, sorgt ein Paket aus Griechenland für ganz andere Aufmerksamkeit in der BRD und auch im europäischen Ausland. Denn nicht nur Angie, sondern auch die anderen Charaktermasken in Amt und Würden hatten Post. Nur die Annahme klappte nicht, da diese Pakete mehr Knall verursachten.

Die Reaktion der deutschen Presse war klar (z.B. http://www.fr-online.de/politik/-feuerzellen--im-verdacht/-/1472596/4801130/-/index.html): Die AnarchistInnen aus Griechenland sind es gewesen. Grüppchen, die seit dem Aufstand 2008 entstanden sind werden vorgestellt und als Kreise beschrieben aus denen TäterInnen stammen könnten. Zur Entstehung der Grüppchen wird auf den Aufstand verwiesen. Die TäterInnen stammten aus den AnarchistInnenkreisen, die 2008 randaliert hätten. Diese Grüppchen stünden in Tradition der Gruppe 17.November, die ja zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hätte.

Das griechische Anarchos und der 17.November wenig miteinander zu tun haben interessiert da niemanden mehr. Noch viel weniger interessant ist, dass der Aufstand 2008 kein Werk von AnarchistInnen war, sondern von breiten Teilen der griechischen Jugend getragen wurde. Gründe dafür waren u.a. die hohe Arbeitslosigkeit, Prekarisierung und in Folge Perspektivlosigkeit vieler griechischer Jugendlicher. Das diese Unzufriedenheit in den Kampf für ein andere Gesellschaft umgewandelt werden soll ist nun wirklich zu begrüßen. Falls also die zwei nach der Paketaufgabe Verhafteten wirklich aus dem Freundeskreis von Alexis stammen, zeigt sich vielmehr eine Militarisierung des zu Grunde liegenden sozialen Konflikts. Und dies ist durch die IWF und EU-Zwangsverwaltung Griechenlands im Interesse der Regierungen und Kapitalfraktionen, für die die PaketadressatInnen stehen, noch verschärft worden.

Letztlich hätten auch „ganz normale Jugendliche“ diese Pakete versenden können. Denn die Brüche in der griechischen Gesellschaft sind tief. Ob sie AnarchistInnen sind oder nicht ist seit 2008 weniger wichtig geworden für eine Bereitschaft zur Militanz. Dass die griechische anarchistische Szene (schon seit Jahren im Strassenkampf) sich auf solche militaristischen Logiken einlässt und weitgehend unkritisch mit der Gewaltfrage umgeht, habe ich schon bei dem Tod der Bankangestellten auf diesem Blog ausgeführt.
Aber eine solche Verleumdung von GenossInnen wie derzeit ist auch durch eine zu ihnen kritische linksradikale Position nicht hinnehmbar. Verwundern sollte es aber auch nicht, da die deutsche Presse noch jeden Aufstand in Europa entpolitisiert hat. Verwiesen sei nur auf die Denunziation der Banlieues-Aufstände 2005 als „Rassen“konflikt bzw. islamistisch gesteuerte Angriffe auf die westliche Zivilisation. Auch damals wurden soziale Deutungen verdrängt, denn Austände in europa können ja nur von Parias ausgehen.

Wer die griechische Szene selber sprechen lassen will, kann dies mit dem Buch „We are an image to the future“ tun. Hier das Werbevideo dafür:

Diskussion zu 10 Jahre 1968

Habe meinen Sonntag mal wieder mit linker Geschichte verbracht:
1978 diskutierten im ORF Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke, Kurt Sontheimer (prominenter bundesdeutscher Politikwissenschaftler) und Matthias Walden (Springer-Journalist) über 10 Jahre 1968. Die Diskussion wäre zu disem Zeitpunkt (dt. Herbst) so im bundesdeutschen Fernsehen nicht möglich gewesen. Die Runde hatte keine Zeitliche Begrenzung auf ein erwünschtes Sendeformat von 1 Stunde und war am Ende ca. 3 Stunden lang. Es werden verschiedenste Stränge dikutierte u.a. Gewaltfrage grundsätzlich und historisch für 1968, die linken Bewegungen der 1970er Jahre und die gesellschaftliche Wirkung von 1968. So informativ könnte Fernsehen sein! Besonders witzig aus heutiger Perspektive: Die rauchen die gesamte Diskussionszeit über.

Debattenbeitrag – Nahost-Konflikt

Folgenden Artikel halte ich für eine interessanten Diskussionsaufriss über die Perspektive auf den Nahost-Konflikt. Viel davon halte ich für bereichernd, aber auch Einiges für grundfalsch. Sympathisch ist mir zum Beispiel das Hinterfragen der europäischen Perspektive auf den Konflikt, die Feststellung einer ditten Linie jenseits von Imperialismus und Kommunismus und die Bereitschaft sich stärker auf die Situation vor Ort einzulassen. Unsympathisch dagegen ist mir sowohl die Hierarchisierung von (Sklaverei schlimmer als die Shoa) als auch der rein quantitative Vergleich qualitativ unterschiedlicher Verbrechen (industrielle Vernichtung vs. imperialistische Unterwerfung). Genau wegen dieser Ambivalenzen lehne ich auch die Geste der moralischen Überlegenheit der beiden Autoren ab, die in dem Argument gipfelt alle anderen Positionen könnten auf eine aristokratische Stellung im globalen Kontext zurückgeführt werden. Die Auflösung des Eurozentrismus wird so leider zur Dominanz der Position der Peripherie (Die in diesem Fall auch noch der Argumentation dt. Linker dient!). Angesichts solcher historischer Scheiße wie der Zurückweisung der Kritik an den Roten Khmern durch Samir Amin als eurozentristisch, sollte eine solche Argumentation der eigenen moralischen Überlegenheit nicht zu sicher sein. Einen Dialog der metropolitanen und peripheren Linken wäre dagegen angebracht. Sicher auch unter einem bias zugunsten der Peripherie.

Weißer Blick
Zur endlosen Debatte um Israel/Palästina – ein Beitrag aus der Interventionistischen Linken (IL)

In ak 551 dokumentierten wir Ausschnitte aus Kommentaren deutscher Linker zur Kaperung der Free-Gaza-Flottille durch israelisches Militär. Die darin zu Tage tretenden Differenzen sind unüberbrückbar, eine Diskussion der gegensätzlichen Positionen erscheint als sinnlos – und findet nicht statt. Innerhalb der Interventionistischen Linken (IL) wird immerhin in Ansätzen um kontroverse Positionen gestritten, wenn auch bislang ohne greifbares Ergebnis. Der folgende Text ist ein zur Veröffentlichung in ak überarbeiteter Beitrag zu einer internen Emaildiskussion der IL.

Gefragt nach einer öffentlichen Stellungnahme zum israelischen Überfall auf die Gaza-Solidaritätsflotte, schiebt die IL ihre Positionierung auf: in Sachen Israel/Palästina nicht das erste Mal. Darin drückt sich der Widerspruch einer antinationalen bzw. antideutschen und einer internationalistischen Strömung aus, der zudem generationsgeschichtlich aufgeladen ist: Nehmen wir Durchschnittsalter, Politisierungsphase und Anzahl der AktivistInnen zum Maßstab, fällt auch in der IL der antinationalen bzw. antideutschen Strömung vorab eine bestimmte Hegemonie zu, während die internationalistische Strömung nicht nur gegen diese Hegemonie andiskutieren, sondern auch noch die „Altlasten“ ihrer eigenen, vergangenen Hegemonie tragen muss.

Das sichtbarste Zeichen dieser Ausgangsposition ist der Umstand, dass in der IL „eigentlich“ sehr viel mehr GenossInnen offen „internationalistisch“ stimmen würden, sich dann aber doch eher passiv verhalten, weil sie nicht vors hegemoniale Gericht geladen werden wollen. Es hat in gewisser Weise jede und jeder bereits den „Antisemitismusverdacht“ der einschlägigen Blogs, Zeitschriften und Konkurrenz-Antifa im Kopf und möchte lieber nicht zum Angeklagten werden.
Die Linke ist wieder eine konstitutiv weiße Linke

Umgekehrt gibt es tatsächlich eine auf ihren Antizionismus fixierte Ein-Punkt-Linke, wirkt noch immer die hochproblematische Variante eines „objektiven Antiimperialismus“, der über Feindbestimmungen zu gemeinsamen Widerstandsfronten kommt. Zugleich gibt es das Problem, das mit den real existierenden „fundamentalistischen“ (im Jargon des Westens: „islamistischen“) Fronten ungenügend benannt ist – sagen wir verkürzend: Es gibt in der Hauptkonfrontation imperiale Macht/kommunistische Bewegung eine „Dritte Front“, die sowohl antiimperial als auch antiemanzipatorisch ist. Und es gibt natürlich das deutsche Problem.

Als Leute aus vor-antinationaler Zeit können wir im Großen und Ganzen einräumen: Ja, der Antinationalismus und das Antideutschtum haben eine grundsätzliche Neuerung gebracht, die reflektiert aufgenommen werden muss und im Prinzip unhintergehbar ist. Sie führt uns parallel dazu, uns nicht mehr an ein „Proletariat“ zu adressieren, das affirmativ durch Arbeit definiert ist. Auf den Punkt gebracht: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch“ kann nicht mehr unsere Losung sein – ihre unreflektierte Geschlechtlichkeit markiert übrigens den dritten Scheidepunkt. Um die generationsgeschichtliche Differenz kenntlich zu machen: In den 1970er Jahren zierte diese Losung locker drei Viertel der linken Postillen, auch wenn die darin nicht aufgingen und deshalb weder blaumann- noch völkerfreiheitsfixiert waren.

Und trotzdem: Die antinationale Neuerung nach dem Mauerfall 1989 und der folgenden Massenmilitanz von Rechts geht wie nahezu jede Neuerung mit einer Löschung einher: Sie löscht, was im „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!“ immer auch gemeint war. Bekanntlich wurde diese Losung angesichts der zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits abgeschlossenen Verwandlung großer Teile des weißen Proletariats in „Arbeiteraristokratien“ geprägt, die im Bestehenden ihren sozialdemokratisch organisierten korporativen Vorteil suchten, und sie reflektierte ausdrücklich den weißen Ursprung des kommunistischen Projekts, d.h.: Sie öffnete dieses Projekt überhaupt erst auf das Problem, dass der kapitalistischen die koloniale Ausbeutung voraus- und zur Seite ging, dieses deshalb auch ins Programm der Emanzipation einzuholen war (man vergegenwärtige sich dazu nur, was die Genossen Marx/Engels so zu den „Negern“ abzulegen hatten, ausdrücklich und in der systematischen Anlage ihrer Geschichtsphilosophie).

Die antinationale und hier natürlich mehr noch die antideutsche Wende haben dies neuerlich zugeschüttet: Die Linke ist wieder eine konstitutiv weiße Linke. Dieser Umstand leuchtet schon an ihrem Ursprungsmythos auf: der Holocaust ist in Wahrheit natürlich nicht das „Gattungsverbrechen“ schlechthin, sondern das größte Verbrechen, das Weiße an (vorwiegend) Weißen verübt haben. Wenn es überhaupt ein „Gattungsverbrechen“ gibt (eine zweifelhafte, aber bedenkenswerte Kategorie), dann ist dies noch immer die weiße Versklavung der Schwarzen (im Sinne: Leute des Südens), deren wie auch immer unfreiwillige NutznießerInnen wir tagtäglich sind, im Ganzen unseres Alltags, unserer Selbst- und Weltbezüge – in jeder noch so kleinsten Hinsicht unseres Metropolenlebens.
Blutige Kommandoaktion oder Selbstverteidigung?

Das lässt sich im Blick auf die aktuelle Gaza-Debatte an zwei Punkten konkretisieren. Erster Punkt, eher grundsätzlich: Natürlich ist Israel ein singulärer, d.h. unvergleichlicher Staat, dem deshalb politisch auch ein im Kern unangreifbares Existenzrecht zukommt. Dieser unangreifbare Kern ist: der für die Holocaust-Überlebenden geschaffene Staat zu sein. Doch ist dies in der Form nur eine weiße Bestimmung. Sie löscht, dass Israel zugleich ein weißer KolonistenInnenstaat ist, eben nicht singulär, sondern jedenfalls auf den ersten Blick mit dem ehemaligen Südafrika und Rhodesien, auch mit den lateinamerikanischen Staaten vergleichbar, die konstitutionell Privateigentum ihrer weißen Kompradorenbourgeoisien waren (oder noch sind).

Hier schon bricht sich der antideutsche Versuch, jede besondere Achtsamkeit auf israelische Gewalt durch den Verweis zu relativieren, Israel sei doch dort, wo es kritisiert werden könne, „nur ein ganz normaler Staat“: was für eine weiße Borniertheit, welch letztlich weißer Hochmut, der den Blick der Anderen, der Nicht-Weißen der Region verneint und damit denunziert: den Blick auf koloniale Segregation, religiös-ethnischen Chauvinismus, westliche Bigotterie. (1)

Der zweite Punkt betrifft, was an den Vorgängen um die Kaperung der Gaza-Flottille politisch eigentlich bedeutsam ist: die dahinter stehende Ausdifferenzierung im imperialen Machtgefüge. Es gibt nicht mehr nur weiße (westliche) Herrschaft und im Süden ein schwarzes Unterdrückt- und Ausgebeutetsein, sondern zusätzliche auch schwarze Herrschaftssegmente: hier das der Türkei. Und es gibt deshalb Allianzen zwischen schwarzen Herrschaftssegmenten und schwarzem Unterdrückt- und Ausgebeutetsein. Der politische Islam ist global die vielleicht wirkungsmächtige Kristallisation solcher Allianzen (es gibt in regionalen Kontexten weitere, etwa den südasiatischen Hindu-Chauvinismus). Im konkreten Fall verdichtet sich das in der Rolle des Islamischen Hilfswerks (IHH), als nichtstaatlich-staatlicher Akteur der türkischen AKP-Regierung nahe stehend, einer der tragenden OrganisatorInnen der Solidaritätsflotte.

Um die Bewertung der Gaza-Solidaritätsaktion mit ihren neun teilweise per Kopfschuss aus dem Hubschrauber getöteten TeilnehmerInnen begann nach anfänglichem Zögern auch innerhalb der IL der Deutungskampf: „Blutige Kommandoaktion“ oder „legitime (israelische) Selbstverteidigung“, und überhaupt: haben die auf dem Schiff nicht „angefangen“, weil sie sich gegen ihre Kaperung wehrten? Kaum zur Sprache kam, was die machtpolitische Message der Gaza-Aktion im Verhältnis zu denen ist, um die es eigentlich geht: die PalästinenserInnen. Denn das schwarze Unterdrückt- und Ausgebeutetsein im Gaza-Bantustan weiß jetzt, dass es sich gar nicht mehr an Weiße adressieren muss, nicht mehr um weiße Solidarisierung bitten muss, weil ihm Ankara jetzt erheblich wichtiger sein wird als Washington oder Brüssel.

Angesichts der Parteinahmen allein der weißen Linken kein völlig unverständlicher Entschluss, auch dann, wenn die Unmittelbarkeit der israelischen Gewalt gar nicht in Rechnung gestellt wird. Mehr noch: Wer will dem schwarzen Unterdrückt- und Ausgebeutetsein diese Adresse mit welchem Recht untersagen? Sich strategisch-taktisch einem Herrschaftssegment zu verbinden, ist angesichts der Lebensbedingungen in Gaza wahrlich kein zwingendes Gegenargument – wer das bestreiten will, sollte sich mal in den dort gelebten Alltag imaginieren.
Wo bleibt die Parteinahme für die Unterdrückten?

Überhaupt ist es an der Zeit, hier den wirklichen Umbruch zu verstehen, gerade um die adäquate Kritik und die radikale Solidarität mit den uns nahe stehenden Tendenzen in Palästina und Israel zu entwickeln. Tatsächlich war der historische Antikolonialismus und Antiimperialismus der palästinensischen Bewegung, von Fatah bis zu den linken Gruppen, in seinem pragmatischen Kern zunächst nur Anrufung der verweigerten bürgerlichen Souveränitäts- und Freiheitsrechte; gleiches galt im Prinzip für den nationalistisch-säkularen Panarabismus. Nach dem Untergang der Sowjetunion blieb als Adresse dafür lediglich der Welthegemon USA, vielleicht noch Europa, allgemein: der Westen. Doch hat Washington kein Versprechen mehr: was gleichermaßen die linke Minderheit des palästinensischen Widerstands und die einsamen israelischen Linken trifft.

Demgegenüber haben die Türkei und der pragmatische Islam der AKP-Regierung reelle Angebote: ultimativen Druck auf Washington in der Auseinandersetzung um die palästinensischen Gefangenen in Israel, Verweigerung israelischer Überflugrechte, drohende Aussetzung der Handelsbeziehungen. Die machtpolitische Effizienz unterscheidet die türkische Position zugleich von den salafitischen Dschihadisten (al-Qaida u. a.) und dem schiitischen Messianismus eines Ahmadinedschad. Das Vertrauen auf Ankara trägt: Die Blockade des Gazastreifens ist zumindest gelockert, die EU spricht mit einer Stimme, und selbst Berlin verweigert sich nicht. Für die Betroffenen, die Bevölkerung in Gaza, sind das die wirklichen Orientierungspunkte, weil sie das Leben schlichtweg erleichtern.

Und wir? Kommen wir zum Kern: Die weiße Linke sollte diese Prozesse erstmal verstehen, wenn sie sich als Linke dazu verhalten will. Das schließt, trotz deren verpflichtenden Wahrheitsmoments, die Durchsicht der antinationalen Neuerung ein und zeigt, wie kompliziert die Dinge sind. Und dabei haben wir noch gar nicht genannt, was vor aller klugen und weniger klugen Reflexion für Linke allemal den Ausgang markiert bzw. markieren sollte: die Parteinahme für die Unterdrückten als eine Sache der spontanen Emphase. Auch wenn die Hamas wirklich Agentur einer ganz eigenen Unterdrückung und Ausbeutung ist, ist es blanker Hohn auf die real existierende israelisch-palästinensische Erfahrung, das mühselig dann doch anerkannte „Leid“ der Leute in Gaza in erster Linie als eines der „Einkesselung zwischen Israel und Hamas“ aufzufassen: wie weiß, wie – um es zeitgemäß auszudrücken – „multitudenaristokratisch“ oder auch, ganz schlicht, wie blind.

Selbstverständlich heißt das nicht, Aktionen mit der IHH zu machen. Da gibt es andere Handlungsoptionen, auch wenn sie weniger spektakulär sind: Solidarität mit israelischen AnarchistInnen, internationalistischer Austausch mit palästinensischen BasisaktivistInnen oder auch Unterstützung der GenossInnen, die bedrohte Fischer und Farmer im Gaza durch ihre Präsenz vor alltäglichem Beschuss schützen. (2) Die Mühen der Ebene – eben.

Bouvard und Pécuchet

Anmerkungen:

1) Um den „arabischen Blick“ zu verstehen, lohnt auch heute noch der Text „Israel-Palästina – Ein Problem Europas“ des marokkanischen Sozialisten Abdallah Laroui, der 1967 in der von J.P. Sartre herausgegeben Les Temps Modernes erschien und in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Die Aktion, Heft 218 (Edition Nautilus) nachgedruckt vorliegt.

2) Siehe auch die Berichterstattung von ISM-Gaza Strip unter: www.fishingunderfire.blogspot.com/ und http://farmingunderfire.blogspot.com

P.S.: Ich habe lange überlegt, ob ich folgenden Beitrag aus der letzten analyse&kritik auf meinem Blog dokumentiere, da ich keinen Bock auf Beschimpfungen in Kommentaren habe. Daher überlegt kurz bevor ihr die übliche Inquisitionshaltung einnehmt.

Neue Lektüre – Über Marx hinaus

Ich habe im Urlaub mit der Lektüre von Marcel van der Linden/Karl-Heinz Roth (Hg.): „Über Marx hinaus“ begonnen, nachdem ich Commonwealth frustriert beiseite gelegt habe, und das Buch jetzt etwa zu 2/3 durch (Kann gerade nicht weiterlesen, da ich es verliehen habe. Nerv!). Viele Artikel haben mich stark beeindruckt. Vor allem der historisch und empirisch belegte Angriff auf die Figur des doppelt freien Lohnarbeiters und die Beschreibung Marx‘ von der ursprünglichen Akkumulation konnte ich nachvollziehen und fand ich intelektuell anregend. Meine nächste Anschaffung wird daher auch auf jeden Fall „Die vielköpfige Hydra“ sein. In „Über Marx hinaus“ werden wirklich Grundfragen einer linken Kritik an Marx bzw. kommunistischer Theorie und Praxis im Anschluss an ihn diskutiert. Nach der Lektüre sollten sich einige ZirkulationsmarxistInnen fragen, wer hier die verkürzte Kapitalismuskritik hat, wenn sie von entpersonalisierter Herrschaft und der Aufhebung direkter Gewaltverhältnisse im Kapitalismus sprechen. Genau diese Thesen sind nämlich nach der Lektüre als dominierende Form der Vergesellschaftung fraglich.
Und ich glaube nach der Lektüre werde ich wieder Commonwealth zur Hand nehmen, da Theorie-Mosaiksteinchen nun da sind, die mir das Verständnis erleichtern.

Aus dem ND 4.11.2009
Über Marx hinaus ins Multiversum
Der Historiker Karl Heinz Roth über die Hoffnung auf die Weltrevolution der Ausgebeuteten
Karl Heinz Roth, Jg. 1942, hat Medizin studiert und war zeitweilig als Arzt tätig, bevor er zu seiner eigentlichen Profession fand: der Geschichte der sozialen Bewegungen und des Faschismus, über die er in vielfältiger Weise publiziert hat. Seit seiner Zeit in der SDS-Bundesspitze ist er ein mit den Klassenkämpfen in der Bundesrepublik eng verbundener Wissenschaftler. Roth, seit Jahren im Vorstand der Bremer Stiftung für Sozialgeschichte, hat jetzt zusammen mit Marcel van der Linden den Band »Über Marx hinaus. Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriff in der Konfrontation mit den globalen Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts« (Assoziation A, 605 S., 29,80 ) herausgegeben. Mit ihm sprach Axel Berger.

ND: Mit dem von Ihnen herausgegebenen Buch »Über Marx hinaus« wollen Sie sich explizit nicht in die derzeitige Marx-Renaissance einreihen, sondern an den Grenzen des Marxschen Werkes arbeiten. Nun kommen die meisten versammelten Autoren aus der marxistischen Linken. Ist das Buch auch eine Selbstkritik?

Roth: In bestimmter Hinsicht schon. Gerade für uns ältere Autorinnen und Autoren wurde immer deutlicher, dass das Marxsche Werk nicht so stringent ist, wie wir früher gedacht hatten. Zudem fielen uns zunehmend Fehler des Gesamtansatzes auf, die in den historischen Entwicklungen, aber auch durch die wissenschaftliche Kritik bloßgelegt wurden.

Welche sind das?

Die nachrangige Stellung der Arbeiterklasse in der Analyse der kapitalistischen Dynamik und den Objektivismus bzw. Determinismus im Marxismus hatten ich und andere in der Auseinandersetzung mit dem aus Italien stammenden Operaismus bereits in den 1970er Jahren kritisiert. Nun kam es uns darauf an, die exklusive Stellung der vor allem im nordatlantischen Raum dominierenden Figur des doppelt freien Lohnarbeiters innerhalb der globalen Klasse der Ausgebeuteten und die damit einhergehende eurozentrische Sichtweise in Frage zu stellen.

Der zentrale Begriff, den Sie als Antwort auf diesen eingeengten Proletariatsbegriff vorschlagen, ist der des »Multiversums« – die Summe aller Ausgebeuteten. Ist das Multiversum auch eine Konsequenz aus der stets blamablen operaistischen Annahme, es gebe bestimmte Segmente innerhalb des Proletariats, das die Prozesse anschieben würde?

Zumindest ist es ein endgültiger Abschied von dieser Annahme. Sie ging davon aus, dass nach den Facharbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts die industriellen Massenarbeiter die Epoche von den Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zu den Revolten Ende der 60er und der 70er Jahre geprägt hätten. Diese Auffassung war trotz einiger wichtiger Analysen zu den Klassenzusammensetzungen nicht haltbar.

Vor 15 Jahren hatten Sie eine innerhalb der radikalen Linken intensiv diskutierte »Wiederkehr der Proletarität« prognostiziert. Widersprechen Sie dem nun?

Es ist eine Weiterentwicklung. Die Ausdehnung von Phänomenen wie Leiharbeit, Scheinselbständigkeit und anderer deregulierter Arbeitsverhältnisse führte bei mir zur Infragestellung einer ganz bestimmten zentralen Figur der Kämpfe. Es ging schon damals darum, die verschiedenen Existenzweisen innerhalb der Klasse der Ausgebeuteten zusammenzuführen und solidarisch aufeinander zu beziehen. Dennoch blieb dies noch auf die doppelt freie Lohnarbeit beschränkt. Mit dem Begriff des Multiversums wollen wir diese Sicht weiter entgrenzen.

Ein Bündnis aller Ausgebeuteten und Entrechteten?

Bündnis ist das falsche Wort. Es geht eher darum, dass im Marxismus die Reproduktionsarbeit von Frauen, die Subsistenzproduktion oder aber die derzeit wieder auflebende Sklaverei überhaupt nicht vorkamen. Marx ging davon aus, dass solche Arbeitsformen im Zuge der Durchsetzung des Kapitalismus verschwinden würden. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass sie insbesondere jenseits der klassischen industriellen Zentren Bestandteil der globalen Wirtschaft geblieben sind und sich teilweise sogar ausgedehnt haben. Ein sozialrevolutionärer Aufbruch wird von diesen Menschen genauso auszugehen haben wie von den klassischen Arbeitern in der Produktion und in Dienstleistungsgewerben.

Im Gegensatz zu Marx’ Erwartung, die Klasse würde sich durch die Industrialisierung vereinheitlichen, ist es eher zu ihrer weiteren Fragmentierung gekommen.

In der Tat.

Eine Solidarisierung von Menschen in völlig verschiedenen Lebensrealitäten hin zu »einer von Gewalt, Herrschaft und Ausbeutung freien Gesellschaft«, die Sie als Ziel formulieren, scheint aber kaum möglich zu sein, oder?

Es gibt darüber Diskussionen, auch unter uns Herausgebern und Autoren. Für mich ist klar, dass es nicht mehr möglich ist, einfach eine neue Internationale zu konstituieren, die diese Fragmentierung zwar anerkennt, aber trotzdem zu einem konzeptionellen Vereinheitlichungsprozess führen will. Die Fragmentierung kann zunächst nur in lokalen und regionalen Kontexten durch gemeinsame Kampferfahrungen und damit einhergehende Solidarisierungsprozesse aufgehoben werden. Diese Assoziationen müssten sich mit globalen Föderationen von verschiedenen sozialen Gruppierungen verbinden, die weltweit aktiv sind, wie z.B. den Automobilarbeitern. Es handelt sich also um eine komplexe Transformationsperspektive, die nicht mehr von einer führenden Schicht der Ausgebeuteten ausgeht, die dann Bündnispartner mitnimmt, sondern um ein Multiversum, das immer differenziert bleibt und trotzdem eine gemeinsame Frontlinie findet.

Revolutionäre Sozialforen?

Ich glaube, die Ära der Sozialforen ist schon vorbei. Es geht um eine Ebene darunter, darum, in die soziale Wirklichkeit zurückzukehren und von da aus zu agieren. Da geht es dann um Selbstbestimmung und Abbau von Hierarchien und eben nicht um politische Repräsentation. Die Ebene der politischen Repräsentation und der neoliberalen Bündnisse ist zu verlassen.

Nicht nur Stellvertreterpolitik, sondern auch politischem Avantgardismus erteilen Sie bereits in der Einleitung des Buches eine Absage. Muss aber nicht dennoch ein weltweites Zentrum der Kommunikation und Assoziation des Multiversums her?

Es geht zunächst darum, die lokal-regionale Ebene tatsächlich zu assoziieren. Ohne die globalen Schnittstellen und eine globale Gegenplanung läuft das aber nicht. Von daher scheinen mir die globalen Föderationen sehr wichtig zu sein. Im zweiten Band meines Krisenbuches, an dem ich derzeit arbeite, will ich das weiterentwickeln und verschiedene praktische Erfahrungen einfließen lassen.

Sind Sie enttäuscht, dass die Solidarisierung innerhalb des Multiversums durch die Krise eher blockiert wird?

Im Augenblick ist die Krise tatsächlich eine Blockade, aber das ist historisch immer so gewesen. Aus der Arbeitergeschichte kann man aber nachweisen, dass dies sich im Übergang zum nächsten Konjunkturzyklus ändern könnte und wir uns darauf vorbereiten sollten. Auch Apathie, Ratlosigkeit und die Tendenz zu glauben, dass es die Nachbarn trifft und nicht einen selbst, können irgendwann in Rebellion umschlagen. Insofern verstehe ich auch »Über Marx hinaus« als einen Beitrag zu einer solchen Perspektive. Marx selbst hat in der Weltwirtschaftskrise von 1857 bis 1959 seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine Artikel für die »New York Daily Tribune« als Beitrag zu einer antikapitalistischen Perspektive angesehen. Diese Aufgabe haben wir heute auch wieder.

Dokumentation über The Weather Underground

via Subprole. Vielen Dank!

Mal wieder was aus Griechenland…

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 550 / 21.5.2010
Die Bewegung ist wie gelähmt
Griechenlands Linke nach der Tragödie des 5. Mai

Am Morgen des 5. Mai sah es so aus, als würde die europäische Krisenpolitik erstmals auf breiten Widerstand treffen. In Griechenland folgten hunderttausende dem Aufruf zum Generalstreik und gingen auf die Straße. Am Abend war diese Bewegung verstummt. Bei einem Brandanschlag auf eine Bankfiliale waren drei Angestellte in den Flammen ums Leben gekommen. Über die Situation nach dem 5. Mai sprachen wir mit Olga Lafazani und Giorgos Maniatis vom Netzwerk für soziale und politische Rechte (DIKTIO). Wir dokumentieren außerdem auszugsweise eine Erklärung aus dem anarchistischen Spektrum, die kurz nach dem tragischen Vorfall auf der englischen Webseite Occupied London erschien. (siehe Kasten)

ak: Die Nachrichten aus Griechenland sind alles andere als gut. Das Land ist bankrott, und die EU (allen voran Deutschland) hat ihre Finanzhilfen an ein radikales Sparprogramm geknüpft. Der 5. Mai sollte der Auftakt der Proteste gegen die drakonischen Maßnahmen werden. Doch am Rande der Demonstration wurde eine Bankfiliale in Brand gesetzt, drei Angestellte starben. Könnt ihr die Ereignisse aus eurer Sicht schildern?

Giorgos Maniatis: Die Demonstrationen vom 5. Mai waren die größten seit dem Ende der Diktatur 1974. Die Gewerkschaften hatten zum Generalstreik aufgerufen, allein hier in Athen kamen mehr als 200.000 Menschen zusammen. Auch in anderen Städten fanden große Kundgebungen statt. Die Demo in Athen war riesig, kraftvoll und sehr wütend! Es war die erste richtige Reaktion auf das Sparprogramm der griechischen Regierung, der EU und des IWF. Die Maßnahmen sehen drastische Einschnitte bei Löhnen, Gehältern und Pensionen vor. Auch die Arbeitsbedingungen und sozialen Rechte aller Lohnabhängigen geraten unter Beschuss.

Olga Lafazani: Die Demonstration ging durch die Stadiou Straße, eine der großen Straßen im Stadtzentrum. Ein kleiner Teil der DemoteilnehmerInnen attackierte Gebäude entlang der Strecke und setzte sie in Brand, unter anderem einen Supermarkt, einen Buchladen und eben die Marfin Bank. Die Bank befindet sich in einem alten Gebäude, in dem auch eine Menge Holz verbaut ist. Sie hat keine Notausgänge und keinen Feuerschutz. Die Gewerkschaft der Bankangestellten hat in einer Erklärung darauf hingewiesen, dass die Beschäftigten trotz des Generalstreiks gezwungen worden sind, zur Arbeit zu kommen. Die Bank drohte, alle zu entlassen, die am Streik teilnehmen. Als das Feuer ausbrach, konnten sich die meisten Beschäftigten durch Sprünge auf die Balkone der angrenzenden Gebäude retten. Aber drei haben es nicht geschafft.

GM: Es gibt eine Gemeinsamkeit bei den Angriffen, von denen Olga gesprochen hat und zwar die völlige Gleichgültigkeit, ob sich jemand in den Gebäuden aufhält. Tatsache ist: Darüber würde heute niemand reden, wenn am 5. Mai nicht drei Menschen gestorben wären.

OL: Was an diesem Tag passiert ist, war vorhersehbar. Es hätte schon bei vielen Demonstrationen passieren können. Man muss dazu sagen, dass es in den sozialen Bewegungen in Griechenland schon immer einen starken militanten Flügel gab – aber auch einen großen Respekt vor Menschenleben. In den letzten Jahren und besonders seit Dezember 2008 hat sich in Teilen der anarchistischen Bewegung aber eine militante Eigendynamik entwickelt. Im Namen eines radikalen Angriffs auf den Staat und inspiriert vom Spektakel der Revolte – und einer Revolte als Spektakel – hat dieser Teil der Bewegung seine Interventionen auf Straßenschlachten mit der Polizei und Attacken gegen die Symbole des Kapitalismus reduziert. Sie kümmern sich nicht darum, ob ihre Aktionen der Bewegung schaden oder nutzen.

Ich denke aber, der Tod der drei Bankangestellten ist nicht allein dieser Strömung anzulasten. Die ganze Bewegung ist dafür verantwortlich, alle, die das haben kommen sehen, aber nichts unternommen haben. Also auch wir.

Was denkt ihr, was die Bewegung hätte tun sollen?

OL: Ja, was hätte sie tun sollen… Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es in den letzten Jahren praktisch keinerlei Diskussion über Strategien und Mittel, über Gewalt und Gegengewalt gegeben hat. Man kann sogar sagen, dieser Diskussion wurde bewusst aus dem Weg gegangen. Zugleich ist die Toleranz gegenüber militanten Praktiken gewachsen, selbst wenn sie letztlich unpolitisch waren. Nach dem Schock der ersten Tage hat nun eine sehr ernste selbstkritische Diskussion begonnen. Einer der ersten Texte, der in diesem Zusammenhang auftauchte, war der von Occupied London. (siehe Kasten) Er trifft den Nagel auf den Kopf. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass es nicht nur bei der Produktion von Texten bleibt. Aus der Diskussion müssen neue Ideen und neue Aktionsformen entstehen. Andernfalls wären sie nichts als Beruhigungspillen für das Gewissen der Aktiven.

Die Bewegung in Griechenland ist nach dem tragischen Ereignis zum Stehen gekommen. Die Toten, so meinen manche, werden ihre Schatten auf künftige Proteste werfen. Was denkt ihr: Hat der Brandanschlag die Bewegung abgewürgt?

GM: Wenn die Polizeirepression einerseits und die exzessive Gewalt von Teilen der DemonstrantInnen andererseits viele Menschen davon abhält, auf die Straße zu gehen, muss man wohl davon ausgehen, dass der Tod dieser drei Menschen Teile der Gesellschaft von den sozialen Bewegungen entfremden wird. Eine Bank anzuzünden, ist an sich ja nicht verkehrt und kann gerechtfertigt sein. Aber die Gleichgültigkeit gegenüber den Angestellten ist eine schwere Bürde.

Hinzu kommt, dass Regierung und Medien das Ereignis benutzen, um die Proteste zu kriminalisieren. Sie schüren die Angst und versuchen, die Wut, die es in der Gesellschaft gibt, umzuleiten. Die Regierung nutzt nun die Gelegenheit zu einem groß angelegten Repressionsmanöver nicht bloß gegen die DemonstrantInnen, sondern gegen die radikale Bewegung überhaupt. Vor allem besetzte Häuser und die selbstorganisierte Infrastruktur der anarchistischen Bewegung geraten ins Visier.

Auch euer Büro wurde von der Polizei gestürmt …

GM: Ja. Wir betreiben ein offenes soziales Zentrum, in dem sich eine ganze Menge verschiedener Leute treffen: antirassistische und antimilitaristische Gruppen, schwullesbische und Queer-AkivistInnen, aber auch MigrantInnen, die die kostenlosen Sprachkurse besuchen. Deshalb war unser Zentrum immer ein schwer zu kriminalisierender Ort, es war nie auf eine kleine linke Szene beschränkt. Im Angriff auf unser Zentrum drückt sich genau der Versuch der Regierung aus, die Gelegenheit dazu zu nutzen, um die Bewegung im weiteren Sinne zu kriminalisieren.

OL: Man darf aber auch nicht vergessen, was auf die Leute in Griechenland zukommt: Wir haben es immerhin mit einem massiven Angriff auf den Lebensstandard von Millionen Menschen zu tun. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass das Ereignis den Protest gegen die totale Herrschaft des Marktes, die hier gerade eingeführt wird, komplett ersticken wird.

Könnt ihr uns vielleicht einen kurzen Überblick über die griechische Linke geben?

OL: Grob gesagt teilt sich die griechische Linke in einen parlamentarischen Teil, eine außerparlamentarische antikapitalistische Strömung und die anarchistische Bewegung. Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) hat bei den letzten Wahlen gut acht Prozent der Stimmen bekommen. Sie hält an den starren Formen der alten KP-Tradition fest und steht für einen dogmatischen und auch sektiererischen Politikstil. SYRIZA ist ein Bündnis zwischen reformistischen Linken und linksradikalen antikapitalistischen Gruppen. SYRIZA hat bei der letzten Wahl vier Prozent der Stimmen bekommen und ist ebenfalls im Parlament vertreten. Ein weiteres wichtiges Bündnis der außerparlamentarischen Linken ist ANTARSYA. Es besteht vor allem aus maoistischen, trotzkistischen und anderen linken Gruppen. Die AnarchistInnen sind ebenfalls ein wichtiger Teil der Bewegung – auch wenn sie sich selbst nicht als Teil der Linken begreifen. Diese Strömung ist in den letzten Jahren gewachsen. Zwischen all den Gruppen gibt es kaum Zusammenarbeit oder gemeinsame Kampagnen. Aber natürlich treffen sich alle bei den Demonstrationen auf der Straße.

Wo kann man DIKTIO in dieses Panorama einsortieren?

GM: Unsere Gruppe DIKTIO – Netzwerk für soziale und politische Rechte ist eine linke Gruppe, die sich mit Themen wie staatlicher Repression, politischen Gefangenen, Rechten von Minderheiten und MigrantInnen etc. befasst. DIKTIO gehört zum linksradikalen antikapitalistischen Spektrum.

Und wer hat sich an den Protesten vom 5. Mai beteiligt?

GM: Die linken Strömungen haben natürlich alle daran teilgenommen. Aber das Besondere an der aktuellen Situation ist, dass die Regierungsmaßnahmen wirklich den Großteil der Bevölkerung betreffen – mit verheerenden Folgen. Deshalb haben sich viele ArbeiterInnen und andere Lohnabhängige an der Demonstration beteiligt, sei es als Gewerkschaftsmitglieder oder als SympathisantInnen der verschiedenen Gruppen und Parteien.

Bei der Dezember-Revolte vor eineinhalb Jahren gab es viel Sympathie für die protestierenden Jugendlichen, obwohl die Bewegung sehr militant vorging. Wo liegt der Unterschied zwischen der Revolte damals und den heutigen Protesten?

OL: Im Dezember 2008 hatten wir es mit einer Jugendrevolte zu tun. Dass sich so viele an den Ausschreitungen beteiligt haben, war Ausdruck davon, dass viele Jugendliche eine Riesen-Wut im Bauch hatten. In der Revolte drückte sich ihre ganze Perspektivlosigkeit und prekäre Lage aus. Deshalb verbreitete sich die Revolte wie ein Lauffeuer durch die griechischen Städte. Allerdings hatte diese Bewegung keine klar formulierten politischen Ziele oder Forderungen.

Heute ist die Situation eine völlig andere. Gegen die Sparmaßnahmen ist eine große Bewegung auf die Straße gegangen, die ein viel breiteres gesellschaftliches Spektrum umfasst. In dieser Bewegung agieren die Kleingruppen mit ihrer auf die Spitze getriebenen Militanz als „Randale-Spezialisten“. Nur dass sie die Forderungen der anderen DemonstrantInnen schlicht nicht berücksichtigen.

Was glaubt ihr, wie es nun weitergeht?

GM: Eins ist sicher: Innerhalb der radikalen Bewegungen wird sich einiges verändern. Ich habe die Hoffnung, dass die Debatte, die jetzt beginnt, zu einem Umdenken führt und dazu, dass neue Strategien und radikale Aktionsformen entstehen, die eine Verbindung zu den Bedürfnissen und Forderungen einer auf breiterer Front mobilisierten Bevölkerung herstellen. Wenn das gelingt, könnte das die Bewegung auf lange Sicht sogar stärken.

Erklärung der IL-Schwesterorganisation aus Griechenland

Wenn wir etwas opfern müssen, ist es Zeit und Herz, sie zu stürzen

Erklärung des griechischen Netzwerk für die politischen und sozialen Rechte (Diktyo)

Am Mittwoch, 7. Mai 2010 folgten mehrere hunderttausend Menschen einem Aufruf zahlreicher griechischer Gewerkschaften zu einem landesweiten Generalstreik und protestieren gegen die Sparpläne der Regierung. Es waren die größten Demonstrationen in Griechenland seit dem Ende der Militärdiktatur 1974. Während der Abschlusskundgebung vor dem Parlamentsgebäude in Athen kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften als Demonstrant/innen versuchten, das Parlament zu stürmen.
Unbekannte setzten eine Filiale der Marfin-Bank mit Molotowcocktails in Brand. In den Flammen starben Paraskeui Zoulia, (35), Epameinondas Tsakalis (36) und Aggeliki Papathanasopoulou (32).

Dieses schockierende Ereignis ist Anlass der folgende Erklärung des griechischen Netzwerk für die politischen und sozialen Rechte (Diktyo).
Wenn wir etwas opfern müssen, ist es Zeit und Herz, sie zu stürzen

Ein wirklicher Generalstreik, die größte Demonstration Arbeitender der letzten Jahrzehnte

Schließlich haben der kleine Georg Papandreou und seine Regierung das Land nicht in Ordnung gebracht. Der Streik des 5. Mai und die Demonstrationen in Dutzenden von Städten Griechenlands, die Zusammenstöße mit der Polizei und die Besetzungen öffentlicher Gebäude zeigten, dass große Teile der Arbeitenden, der Arbeitslosen und der Jugend nicht gewillt sind, ihr Leben dem Kapital zu opfern, sich den Anordnungen der EU und des IWF zu beugen. Am 5. Mai hat sich manifestiert, daß wir die Krise zu ihrer Krise machen können, dass es, wenn sie Darlehen wollen, um die Banken zu finanzieren, viele, ja sehr viele Menschen in dieser Gesellschaft gibt, die rufen: „Haben wir uns das zusammen in die Taschen gestopft?“ Die massenhaften Zusammenstöße einfachen Volks mit den Repressionsorganen zeigen: Die Chancen stehen gut; zurecht fürchtet der kleine Georg einen Dezember[1] der Arbeitenden, zurecht verfolgen wir dieses Ziel.

Der kriminelle Tod dreier Unschuldiger

Mitten in dieser phantastischen Erhebung der Arbeitenden starben drei unschuldige Menschen nach der Brandstiftung in der Marfin-Bank in der Stadiou-Straße. Hier ist kein Platz für halbe Worte oder für Rechtfertigungen. Der tragische Tod der drei Bankangestellten ist der kriminellen Gleichgültigkeit menschlicher Existenz gegenüber in der Szene derer, die den Brand gelegt haben, geschuldet. Zu Recht klagen Betriebsräte von Bankangestellten die Scheußlichkeiten von Vjenopoulos[2] an, der die Angestellten verpflichtet hatte, in der Bank zu bleiben, kritisieren sie das Fehlen eines Notausgangs, jeglicher Brandschutzvorrichtungen usw.

Wir müssen dagegen als Bewegung insgesamt, aber auch als jedes ihrer Bestandteile, unsere Zerknirschung zum Ausdruck bringen und Selbstkritik üben, weil es uns nicht gelungen ist, den Fetischismus der Gewalt zu begrenzen, der zu dieser Katastrophe geführt hat. Unsere Gegner verfügen über den Zynismus und die Heuchelei, über „Kollateralschäden“ zu reden; die moralischen Werte der Bewegung dagegen erlauben uns derartiges nicht. Wir bringen keine Opfer für den Kapitalismus; wir brauchen keine Menschenopfer, um ihn zu stürzen.

Staatliche Gewalt und Gegengewalt der Bewegung

Es ist mittlerweile offensichtlich, dass, je mehr die unsozialen Maßnahmen eskalieren, je mehr sich die ökonomische und soziale Krise vertieft, je mehr sich die Wut, die Hoffnungslosigkeit und die Ausweglosigkeit steigern, desto mehr die Repression der ständige Begleiter der neoliberalen Verwaltung der Krise sein wird. EU und IWF verlangen nicht nur „öffentlich-rechtliche Stabilität“, sondern auch sozialen Frieden. Deswegen wird − zwar nicht direkt parallel, aber doch auf jeden Fall symmetrisch − der ökonomische Terror der Kürzungen, der Entlassungen und der Arbeitslosigkeit gefolgt werden vom Terror der Sondereinheiten, des Tränen- und Giftgases[3], der Festnahmen und Verhaftungen.

Im Durcheinander freut sich der Wolf …

Die Regierung, wenn sie auch die Maßnahmen verabschiedet hat, aufgrund der Empörung der Massen in der Enge (und vor allem in Angst vor dem, was folgen kann, wenn sie umgesetzt werden) und gleichzeitig rechenschaftspflichtig gegenüber „ihren Darlehensgebern“, schlachtet den Tod der drei Angestellten aus, um den Kampfgeist der Arbeitenden zu schwächen und die Verschärfung der Repression zu rechtfertigen. Seien wir sicher: In der jetzt folgenden Zeit werden Robocops und Gerichte Streiks der Arbeitenden frontal und ohne Vorwand angreifen. Das Vorspiel dazu sehen wir schon heute mit der Diktatur, die sie in Exarcheia[4] oktroyieren (massenhafte Festnahmen, tagtägliches Verprügeln, Überfall auf Treffpunkte und besetzte Häuser – der schikanöse Überfall der Einheit DELTA[5] auf den Migrantentreffpunkt und das Soziale Zentrum in der Tsamandou-Straße ist ein Beispiel dafür), und dem Versuch der Kriminalisierung des gesamten anarcho-antiautoritären Spektrum mittels Zuweisung der kollektiven Verantwortung für die Brandstiftung der Marfin-Bank.

Auch hier ist kein Platz für halbe Worte oder für Rechtfertigungen. Wenn wir erlauben, dass ein „Sonderzustand“ in Exarcheia geschaffen und dass die anarchistische Szene in einen „Ausnahmezustand“ versetzt wird, ist sicher, dass der Weg geöffnet wird für die Unterdrückung der breiteren Bewegung und auf jeden Fall für die Desorientierung und die Beugung des Kampfgeists großer Teile der Arbeitenden. Die politische Verantwortung derjenigen Teile der anarchistischen Szene, die nicht politisch der Fetischisierung der Gewalt entgegentreten, kann unter keinen Umständen die Rechtfertigung für die staatliche Repression liefern.

Für einen Dezember der Arbeitenden

Wir erleben die größte Einschränkung von Rechten und Errungenschaften seit dem Ende des Bürgerkriegs[6]. Wir haben die volksfeindlichste, schmierigste und demagogischste Regierung der Nachjuntazeit[7]. Unser Überleben und unsere Würde sind bedroht, aber auch unsere Substanz selbst als Arbeitende.

Die Bedingungen sind günstig! Jeder Kampf, der jetzt geführt wird, braucht unser aller Unterstützung. Seien wir überall! Wenn wir etwas opfern müssen, ist es Zeit und Herz, sie zu stürzen. Mit Streiks, mit Besetzungen, mit Schließung von Straßen, mit Stadtteilkomitees gegen das Gesetzespaket, mit Netzwerken sozialer Solidarität, Blockierung von Hausversteigerungen und Wiederaneignungen von Grundnahrungsmitteln aus Supermärkten, mit allem, was wir brauchen, um aufrecht zu bleiben und zu beginnen zu siegen.

10.05.2010
Netzwerk für die Politischen und Sozialen Rechte (Ortsgruppe Athen)

[1] Anspielung auf den Dezember 2008, die massenhafte Jugendrevolte in Griechenland
[2] Eigentümer der Marfin-Bank
[3] Es handelt sich dabei um ein Gas, das deR Betroffenen vorübergehend die Luft nimmt
[4] Viertel in der Innenstadt Athens, in dem viele Linke und Anarchisten, aber auch Junkies, Künstler, Obdachlose usw. zuhause sind bzw. sich aufhalten („Kreuzberg Athens“)
[5] motorisierte Sondereinheit der Polizei, die nach dem Dezember 2008 eingerichtet wurde, als besonders rabiat und brutal bekannt
[6] 1949
[7] 1974: Ende der Militärjunta in Griechenland

Interview zu den Toten in Griechenland

In der aktuellen analyse&kritik ist ein Interview zu den 3 Toten in Griechenland mit einer linksradikalen Gruppe erschienen, die nicht aus dem anarchistischen Spektrum kommt. Letzteres erscheint mir inzwischen produktiver, da sich mein Eindruck verfestigt, dass dieser Teil der Bewegung zur Fetischisierung von Gewalt gegen Sachen und Personen neigt. Andere Formen von Militanz verschwinden zunehmend aus deren Horizont.